komische Sachen hatten wir damals …

Samstag bekam ich ein Carepaket von B. – ein Karton voller Bücher, jetzt, wo ich hier in Deutschland gestrandet bin, ist das ja ganz einfach, mir sowas zu schicken, einfach in einen Karton, Adresse drauf und es kommt am nächsten Tag schon an, ganz ohne Zollerklärungen, wochenlangen Transport, Fahrt zum Hauptzollamt, sieben Stempel, eventuell hier noch ein Scheinchen für die Kaffeetasse, da eine „Stempelgebühr“ …

Flugs ausgepackt hatte ich also endlich nach Jahren mit dem E-Reader ein echtes Buch in der Hand (ganz schön schwer, diese Dinger). Und Abends dann das Problem, dass so ein richtiges Buch ja gar nicht leuchtet und dass man eine echte Lampe braucht, wenn man vor dem Einschlafen noch lesen will …

Nun, ich habe ja noch hunderte ungelesener Bücher auf dem Reader, also tagsüber analog – was wirklich schön ist – und abends dann eben digital …

schreiben vergessen

Plötzlich ging es ja dann ganz schnell: Erst kam die Zusagevom Amt viel früher als gedacht, dann überlegte ich noch, am Montag nach Deutschland zu fliegen (das wäre der 16. gewesen), entschied aber dann doch, möglichst schnell zu fliegen, da man in Zeiten von Corona ja nicht weiß, was wann passiert ..

Also buchte ich Dienstag Abend ein Ticket für Donnerstag nachmittag, flog gemütlich gen Heimat, erfuhr dann am Freitag, dass ab Samstag der Flugbetrieb zwischen der Türkei und Deutschland eingestellt wäre.

Kaum bin ich in Deutschland, gibt es dann nur noch Beschränkungen. Geld hätte ich (eine andere Geschichte, habe ich doch damals mein Erbe einfach nicht angetreten, so dass es für mich auf einem Sparbuch hinterlegt wurde, an das ich jetzt erinnert wurde – Erbe klingt toll, reicht aber einfach mal so, dass ich gemütlich mit dem Rest meines Ersparten locker bis September durchhalten kann), Zeit hätte ich auch, arbeite ich ja bis September nicht mehr. Nur Reisen, das kann ich eben nicht.

Montag war ich dann heldenhaft beim Amt (ja, ich muss noch ein paar offizielle Sachen erledigen). Das Amt war geschlossen, ich hatte aber das Glück, mit einem Mitarbeiter, der ein Plakat an die Tür hängen wollte, sprechen zu können, mein polizeiliches Führungszeugnis kommt also doch noch, trotz Amtssperre.

Für den neuen Pass musste ich nach Berlin um Fingerabdrücke abzugeben. Auf dem Hinweg teilte ich mir einen ICE-Waggon mit einem zweiten Passagier, auf dem Rückweg waren dann immer noch viele Zweierbänke frei. Die Züge waren absolut pünktlich und leer. Erstaunlich. Berlin dann war gespenstisch leer, ich wanderte zum auswärtigen Amt, gab innerhalb von fünf Minuten meine Fingerabdrücke ab, wanderte zurück und saß schon wieder im Zug. Eigentlich hatte ich gedacht, ein paar Tage in Berlin zu bleiben und den Ausflug (immerhin bekomme ich die Fahrt bezahlt) zu genießen – denkste. Leider nicht möglich in Zeiten des Coronavirus.

Gestern dann beim Arzt. Ich bin nicht krank, nein, brauchte aber eine Bescheinigung, dass ich es nicht bin, krank eben. Wirklich seltsam, alle haben Panik, Angst, sind verunsichert, gehen wirklich nur zum Arzt, wenn sie wirklich nicht anders können und ich gehe mal eben dorthin, weil ich gesund bin …

Der Besuch bei meinem besten Freund ist abgesagt – man soll ja seine Kontakte einschränken. Ich häge hier in Deutschand fest, weiß nicht, wann ich wieder nach Hause kann, S. sitzt allein in Istanbul (na gut, nicht allein, sie ist bei ihrer Mutter, die Empfehlung, gerade den Kontakt mit älteren Menschen nach Möglichkeit zu beschränken, ist weniger wichtig als der Unwille, allein zu sein). Kurz und gut: wäre es ein Film, würde ich herummoppern, dass das alles viel zu unrealistisch und übertrieben ist.

strategisch geplant

Um den neuen Jobzu bekommen, muss ich einen Wohnsitz in Deutschland haben. Kein Problem, da bin ich schließlich gemeldet. Weil aber das Ganze über Regierungsstellen beider Länder läuft, könnte es aus Versehen passieren, dass dabei dann die Information weitergegeben würde, dass ich doch hier schon eine Arbeitserlaubnis habe und hier im Reich des Sultans arbeite – damit wäre dann in Deutschland klar, dass ich in der Türkei lebe.
Also musste ich, um den anderen wesentlich besser bezahlten Job zu bekommen, jetzt sofort kündigen (damit erlischt auch sofort die Arbeitserlaubnis, fertig). Damit werde ich zwar ein halbes Jahr lang wieder nicht arbeiten, die verpassten Einnahmen werde ich aber dann nach höchstens zwei Monaten im neuen Job – wenn denn alles so klappt, wie erhofft – wieder erwirtschaftet haben, da lässt sich ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit ertragen und noch irgendwie finanzieren.

Blöd wäre es nur, wenn es aus irgendwelchen Gründen nicht klappt – und der Sultan läuft ja gerade mal wieder Amok, wer weiß, was daraus noch wird – aber es wird schon irgendwie werden. Und wenn nicht, suche ich mir einen neuen Job. Gibt ja auch noch andere Länder, auch wenn S. bei vielen Ländern einfach sagen würde, dass sie nicht mitkommt und wir eben für einige Zeit auch in verschiedenen Ländern leben könnten / müssten, das kennen wir ja schon …

Ich muss gestehen, ich freue mich darauf, übermorgen meinen letzten Arbeitstag zu haben, auch wenn ich ein paar tolle KollegInnen hatte und mir die Arbeit mit den Studenten Spaß gemacht hat …

yuppieh

Es müssen natürlich noch viele Sachen geklärt werden, sicher ist es erst, wenn ich am ersten Sepember die Unterschrift von Chef der Einrichtung haben werde, wo ich dann arbeite, aber eben gerade bekam ich das Angebot und habe auch sofort angenommen, ab September werde ich dann wohl wieder einen normal bezahlten Job haben, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt mit normalen Arbeitszeiten (vermutlich werde ich etwas mehr arbeiten, als im Augenblick aber auch das vier, fünffache verdienen) …

yuppieh

Mehr von der Arbeitswirklichkeit im Sultanat

Wie vorgestern berichtet, will mein Arbeitgeber leute, die krank werden und deswegen Unterricht versäumen, mit Zusatzunterricht bestrafen. Wie berichtet, schrieb ich eine deutliche, wenn auch noch freundliche Antwortmail, sicher stellend, dass alle, auch die Leitung, sie bekommen würde, auch mit der deutlichen Aussage, dass ich diese Regelung nicht akzeptiere, manche verstehen darunter eindeutig, dass ich damit klar gemacht habe, dass ich solche Strafmaßnahmen nicht annehmen werde und diesen Zusatzunterricht nicht machen werde.

Die Reaktionen waren eindeutig: Fast alle Kollegen und Kolleginnen, die ich heute traf, sagte, es sei eine gute Mail gewesen, die allermeisten bedankten sich, einige fragten mich auch, wie wir jetzt weiter vorgehen sollten – wohlgemerkt ist wohl meine Mail die einzige Reaktion von Arbeitnehmerseite. Einhellig sind die Kollegen und Kolleginnen der Meinung, dass ich Recht habe in allem, was ich schrieb (und manche hatten das System wohl auch nicht ganz verstanden, bevor ich schrieb). Manche diskutierten lange in ihren privaten Whatsappgruppen, dass das ja nicht hinnehmbar sei, wussten aber nicht, was sie machen sollten. Geschehen ist sonst gar nichts.
Aber vielleicht ist es ja wirklich so, wie einige Leute meinten, ich hätte einen Anfang gemacht und jetzt müssten die anderen folgen – und es wäre jetzt auch einfacher für sie.
Als ich wieder einmal gefragt wurde, was „wir“ jetzt machen müssten, fielen mir mehrere Möglichkeiten ein: Ganz offizielle Anträge, die von der Institution offizielle geforderte Mehrarbeit in Freizeit zu entschädigen zum Beispiel – wenn das alle machen würden, müsste die Leitung irgendwie reagieren. Ein einfaches Mittel, den eigenen Unmut auszudrücken, ohne sich persönlich gar zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, wäre auch, einfach nur, auf meine Mail per Antwort an Alle einen Satz der Zustimmung zu formulieren – würden das alle machen, könnte es auch kein Problem für einzelne generieren. Mir fallen da noch andere Sachen ein – aber es ist nicht mein Job, mich jetzt zum Anführer einer kleinen Revolte zu machen – ich habe nur mal wieder meine Klappe nicht halten können …

Auch von Arbeitgeberseite ist nichts geschehen. Aber inzwischen wurde mir berichtet, dass das übliche Problemlösungsschema an der Uni einfach darin besteht, die Verträge (wir haben alle nur Einjahresverträge) einfach nicht zu verlängern, wenn jemand aufmüpfig wird – natürlich ohne Nennung eines Grundes oder offensichtlichen Vorwänden. Na gut, länger als ein Jahr möchte ich in diesem modernen Sklavenhaltersystem sowieso nicht arbeiten, schade nur, dass Deutschland das Ganze zum großen Teil finanziert, dass Deutschland viele Leute dorthin schickt und der DAAD einfach hinnimmt, dass dort ziemlich unmenschliche Schweinereien laufen, immer mit der Ausrede, die Leute hätten ja einen Vertrag mit der Uni und da könne man nichts ändern – würde Deutschland Druck machen, müsste die Uni dementsprechend reagieren, die ja angewiesen ist auf die von Deutschland geschickten Lehrkräfte (im Sprachbereich decken sie mehr als die Hälfte des Unterrichts, auch in den Fachwissenschaften machen sie einen großen Teil der Lehrenden aus). Würde die deutsche Seite eindeutig bestimmte Richtlinien einfordern, hätte die Uni gar keine Chance, dem zu widersprechen. Aber Deutschland kümmert sich einfach nicht. Schade das.