Archiv der Kategorie: Nach dem Koma

Vergessen

Da das ein recht neuer Blog ist, muss ich zum Verständnis dieses Beitrags wohl kurz erwähnen, dass ich vor ungefähr zehn Jahren einen Unfall hatte, nach dem ich für zehn Tage im künstlichen Koma und für zwei oder drei Monate mehr im Krankenhaus blieb.

Jetzt bin ich zufällig über ein Dokument auf meiner Festplatte gestolpert, von dem ich zwar wusste, dass ich es geschrieben hatte, einige Zeit nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, das ich aber danach nie wieder gelesen hatte. Damals hatte ich versucht, die Erinnerungen an die Zeit nach dem Koma aufzuschreiben, die schon damals zu verblassen anfingen.

Die Zeit zwischen Koma und Realität verbrachte ich in einer eigenen Welt, von der ich tatsächlich nur noch Brocken erinnere: an Herbert erinnere ich mich noch, den Krankenpfleger, der in meiner Welt aus Deutschland nach Spanien ausgewandert war und sich nun um mich kümmerte (ich weiß noch genau, dass ich ihn fragte, warum er aus seinen alten Beruf (war er Koch gewesen?) ausgestiegen war, um jetzt in Spanien als Krankenpfleger zu arbeiten) und der heldenhaft die Armeen von Flöhen wegwischte, die ich immer wieder auf mich zukommen sah, große Flöhe, eher in der Größe von Fliegen, die in riesigen Gruppen die Kabel und Schläuche, an denen ich hing, heruterwanderten um sich an mir zu laben. Ich erinnere mich auch noch an die Pflaumenkönigin, die meine Mutter war und in Pflaumenbäumen von der geheimen Energie der Pflaumenkerne lebte und mit der ich dank dieser Energie von einem Baum zum nächsten fliegen konnte, vor allem aber erinnere ich mich noch an eine Melodie, die ich wohl an die Geräusche der Maschinen, an die ich angeschlossen war, angelehnt hatte, die aber, wie ich später herausfand, der Grundmelodie ähnelte, die in Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ immer wieder varieert wird, in meiner Phantasie aber gespielt von einem Instrument, das in Schulen auch den typischen Schulgong produziert.

Als ich jetzt in jenen alten Text hineinlas, las ich von Erlebnissen, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, nicht als eigene Erlebnisse erinnere (das Photographenpaar, das auf dem Krankenhausdach Konzerte veranstaltete zum Beispiel, kann ich als eigene Erinnerung nicht mehr wiederfinden, weiß aber nach dem Lesen, dass ich das alles tatsächlich erlebt hatte, diese Konzerte und Photoshootings gesehen hatte, teilgenommen und mit dem Photographen auch gesprochen hatte), ich las von Dingen, die dann als Erinnerung wiederkommen (die Kontaktlinsen, die ich trug und die direkt mit dem Computer verbunden waren, die ich dann teilweise beherrschen lernte und die manchmal dann auch abstürzten wie viele Jahre zuvor mein erster Computer abgestürzt war mit ins Unendliche wiederholten Einzelbildern – diesmal eben nicht die unendliche Wiederholung des Fensters, in dem ich gearbeitet hatte und das mit jeder Mausbewegung vervielfältigt wurde, sondern mit Bildern, die ich durch meine Kontaktlinsen hindurch gesehen hatte zum Beispiel).

Vor allem aber weiß ich jetzt, dass ich damals die Erinnerungen nur zu einem ganz kleinen Teil aufgeschrieben hatte – die Arbeit am Computer hatte mich einfach mächtig angestrengt in einer Zeit, in der ich froh war, wenigstens jeden zweiten oder dritten Tag die fünfhundert Meter zum Dorfladen gehen und den Weg nach Hause auch noch schaffen zu können, als ich auf 50 kg abgemagert war (immerhin 20 Kg weniger als ich vor dem Unfall gehabt hatte, bei 175 cm nicht wirklich viel). Nach zwei Tagen und zehn Seiten hatte ich die Arbeit auf später verschoben – und dann einfach nicht mehr weitergeführt.

Heute weiß ich, dass das ein großer Fehler war. Viel aus dieser Zeit, viel aus dieser komplett verrückten, anderen, aber in sich auch teilweise logischen und aus meinem realen Leben erklärbaren Welt, ist verloren. Viel habe ich wirklich vergessen. Übrig geblieben ist nur ein Grundgefühl der Geborgenheit, das ich in meinem Krankenhausbett (das mich in dieser Phantasiewelt dann auch vom spanischen Krankenhauskeller, in dem ich das erstemal operiert wurde in den Lieferwagen begleitete hatte, mit dem ich aus Spanien nach Deutschland entführt wurde und in das ich auch aus den Ausflügen mit der Pflaumenkönigin zurückkehrte) erlebt hatte, trotz heftiger Schmerzen, die mich begleiteten, trotz vieler Ungemach, trotz der Folter durch „Lungentraining“, wo mir eine seltsame Gesichtsmaske aufgesetzt wurde wodurch ich panische Erstickungsangst bekam und es sogar mit fixierten Händen schaffte, mir das Ding vom Gesicht zu streifen, …
Noch heute, einige Operationen und zehn Jahre später, würde ich lieber im jeweiligen Krankenhausbett liegen bleiben statt in ein freies Leben entlassen zu werden, auch bei meiner letzten Operation vor einem Jahr ging es mir so, ich legte mich in mein Krankenhausbett, überließ  mich entspannt den Ärzten, die mir dann irgendwann jene nette Spritze verabreichten, mit der ich sanft einschlief um mit bösen Schmerzen wieder aufzuwachen, um dann nach nur zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen zu werden – viel lieber wäre ich in meinem Bett, meinem Krankenhausbett, liegen geblieben.
(Erstaunlicherweise geht es mir mit meinen Betten im eigenen, gesunden, Leben ganz anders, die verlasse ich meist ganz schnell nach dem Aufwachen, auch zum Lesen ziehe ich jetzt andere Orte vor, während ich in meinen früheren Zeiten, auch noch lange nach dem Studium, am liebsten im Bett las.

Übrig geblieben sind auch einige Erinnerungen aus meiner Phantasiewelt, klar, aber sie verblassen, sehr viel habe ich wirklich schon vergessen.
Das was noch da ist, sollte ich endlich aufschreiben, auf dass ich nicht alles verliere, denn diese Welt, auch wenn sie real nur für eine paar Tage existierte (ich konnte nie selbst nachvollziehen, wie lange ich mich in ihr aufhielt, auch die Krankenschwestern, die sich um mich kümmern mussten, wussten nie, wann ich wirklich in der realen Welt war, wann in meiner Phantasie – als es mir schon besser ging, erhielt meine Schwester die Auskunft, ich sei schon wieder in die Phantasie abgedriftet und hätte behauptet, in Istanbul zu leben, was ja zu der Zeit der realen Welt entsprach, der Unfall war beim Urlaub in Deutschland geschehen, ich lag zwar im deutschen Krankenhaus, aber mein realer Lebensmittelpunkt, mein reales „Wohnen“ gehörte in die Türkei.

So, genau das wollte ich aufschreiben, dass ich viel vergessen habe aus jener Zeit und dass ich damals eben nicht alles aufgeschrieben hatte.
Beim Schreiben hier ist mir klar geworden, dass mir diese Welt aber nach wie vor noch sehr viel bedeutet, dass ich sie nicht verlieren will.

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Auf den Ohren-wo fängt die Wand an?

Auf dem Weg durch den öden Vorort Ugur Mumcu und den noch deren Yaka8äcik, durch die ich zur Zeit wandere, wenn ich allein unterwegs bin und zur Metro will, hatte ich heute ein Hörspiel auf den Ohren: Madeleine Hieß es „Wo fängt die Wand an?“.  Vordergründig geht es um ein verschwundenes Bild in einem Museum, aber eigentlich wird -auf eine witzige Art und Weise – die Diskussion um die Bedeutung und Bewertung zeitgenössischer Kunst ge – und vorgeführt. Oft genug sind die Scenen hinterlegt oder unterbrochen von kurzen Stücken aus Isao Tomitas „Picturesat an Exhibition“, der durchaus sehr interessanten Bearbeitung von Musssorgskis „Bilder einer Ausstellung“ von 1874.

Die Verbindung von Geschichte, Sprache und dieser Musik ist -zumindest für mich – einfach nur gut (nicht nur, weil die die meisten Stücke aus dem “ Ballet of teh Chicks in theirshells“ kommen, einer einfach lustigen Musik, sondern für mich eben auch, weil dieser Zyklus von Stücken gerade in der Bearbeitung von Tomita eine sehr wichtige Bedeutung in meinem Leben hat: Als ich vor fast genau zehn Jahren aus dem zehntägigen Koma nach einem schweren Verkehrsunfall erwachte – was sich wohl über Wochen hinzog, bildete eine Tonfolge ähnlich eines Stückes aus diesem Zyklus den Klanghintergrund für die Phantasiewelt, aus der ich nur langsam in die Realität zurückfand (zu finden in der Mitte des Stückes „TheGreat Gate at Kiev“ – dort kommen die Töne der sich wiederholenden und variierten Grundmelodie der von mir phantasierten Tonfolge in Tonhöhen, Klang, Geschwindigkeit am nächsten)

Und wenn ich schon dabei bin, mich an diese Melodie zu erinnern, sei mir erlaubt anzumerken, dass zwar allmählich die Erinnerung an diese Zeit verblasst, auch schon lange nicht mehr omnipräsent ist, wie zu Beginn, dass ich mich aber sehr gerne an eben diese Melodie erinnere, ja,mich manchmal bewusst darauf konzentriere, sie Summe oder Pfeife, um sie nicht zu vergessen. Schon interessant, dass dieses kleine Stück Erinnerung an eine schmerzvolle (im wahrsten Sinne des Wortes) und ganz und gar nicht einfache Zeit mir Sicherheit und auch ein Stück Geborgenheit gibt.

Ps.: beim Nachhören (Ich sitze mit einem recht guten Kaffee Latte in einem Cafe an einer recht belebten Straße in Kadiköy und sehe vermutlich recht seltsam aus mit Kopfhörern auf die Musik konzentriert, dem Telephon, das mir Musik ins Ohr brüllt und dem Tablet, auf dem ich tippe), mit Tomita auf den Ohren stelle ich jetzt fest, dass es wohl doch nicht das große Tor von Kiew war, sondern doch eher die Promenade. Egal, wenn ich wieder meine Kreditkarte benutzen kann, muss ich mir wohl die ganze Platte neu kaufen, meine ist vor vielen Jahren verloren gegangen mit allen anderen, die damals in der Obhut meines Bruders waren – eine andere Geschichte, die hier gerade gar nicht passt.

Dz5 5  666