Archiv der Kategorie: türkische Zeiten

Gas: Dialog im Café

Wir gingen heute Abend hier in Ortaköy in ein Café – S.ist regelmäßig hungrig, wenn sie von der Arbeit heim kommt und ich bin regelmäßig zu faul zum Kochen.

Ja, es roch seltsam in der Straße – ein Geruch, den ich zwar kannte, aber erstmal nicht wirklich einordnen konnte. Von den Cafébetreibern hörte ich den folgenden Dialog:
A: Hier riecht es nach Tränengas.
B: Das kommt von der Straße.
A: Stimmt, es kommt von draußen. Was ist denn los?
B: Heute ist doch der achte März, Frauentag. Es gibt bestimmt eine Demonstration. Da wird die Polizei wohl Tränengas einsetzen.

Ja, jetzt, wo es gesagt worden war, erkannte ich den Geruch.
Ich googelte also gleich, was wohl los war. Googeln auf türkisch brachte erst Stunden später Erfolge. Auf Englisch gab es die ersten Funde , zum Beispiel dann auch bei Al Jazeera, die ich nach wie vor für recht zuverlässig halte. Danach wurde die Istiklar Caddessi, Istanbuls größte und bekannteste Einkaufs- und Fußstraße von der Polizei abgesperrt, die Demonstration zum Weltfrauentag in Nebenstraßen abgedrängt, unter Einsatz von Gummigeschossen, Tränengas, Wasserwerfern, Hunden usw.

(Natürlich wird das von den großen türkischen Medien, die inzwischen alle gleichgeschaltet sind (nicht ohne Grund nennt Erdogan Hitler ein „gutes Beispiel“) nicht erwähnt)

Was ich dabei auch erschreckend finde: Der Taksim und die Istiklal Caddessi sind von uns mindestens drei,  dreieinhalb Kilometer Luftlinie entfernt – und wenn wir hier das Tränengas riechen können, muss davon eine ganze Menge abgefeuert worden sein – gegen eine Demonstration, von der nirgends gesagt wird, dass von ihr, in welcher Form auch immer, Gewalt ausging .

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Heute mal kein Schneeregen

Heldenhaft habe ich mich heute noch kräftiger eingemummelt als gestern und bin hinaus in die garstige Winterwelt Istanbuls gestapft. Immerhin hat es nicht geschneeregnet und der Wind war auch nicht mehr ganz so übel wie gestern, aber trotzdem habe ich durchaus Grund zum Meckern, ist es doch in Deutschland um einiges wärmer …

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Ziel des Ausflugs war eine Ausstellung von Gemälden und anderen Werken einer Sängerin, deren musikalisches Werk wir vor einiger Zeit kennen und lieben gelert haben, und ihrem Vater. Spannend fand ich ja die Idee, dass gerade Vater und Tochter gemeinsam ausstellen, und interessant war es dann auch, deren Werke nebeneinander zu sehen (und einiges aus der Musik finet sich dann auch in ihren Bildern und Statuen wieder …

19-02-25-1294.jpg(Vater)

19-02-25-1299(Tochter)

 

 

 

 

 

 

Der Wetterbericht verspricht keine große Änderung …

Wieder einmal habe ich einen ganzen schweren Rucksack mit Photokram mit mir rumgeschleppt. Irgendwann erwähnte ich S. gegenüber, dass ich ja noch gar kein Photo gemacht hätte und sie sagte: „Ans Photographieren ist jetzt doch gar nicht zu denken, wir kämpfen darum, am Leben zu bleiben.“
Gemeint war, dass wir bei eisigen Temperaturen gegen den mit nassesten Schneeflocken gesättigten eisigen Wind in Sturmstärke angingen, der uns in Istanbuls wichtigster Einkaufsstraße entgegenpfiff und trotz Mütze, Schal, wärmsten Winterjacken, Handschuhen und was immer der Kleiderschrank hergibt, zum grausamen Gefühl eingefrorenen Hirns führte, nachdem die Stirn schon kaum noch fühlbar war – bei zu kalten Getränken nennt man das Hirnfrost oder so.
Der Schnee bleibt zwar nicht dauerhaft liegen – zumindest nicht bei uns, zwei, höchstens drei Meter über Meeresspiegel – aber es reicht für reichlich Schneematsch und gefühlten Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Wie üblich denke ich mir mal wieder, dass ich in Deutschland noch nie so gefroren habe, wie hier in Istanbul oder auch wie damals in Ägypten (da war es zwar nur um die 13 bis 15 Grad kalt – über dem Gefrierpunkt aber mangels Isolation und Heizmöglichkeit war es eben überall gleich kalt, am Arbeitsplatz, zu Hause im Wohnzimmer, im Restaurant, einfach überall, zu kalt eben)

einfach zu kalt

warum bin ich eigentlich zweitausend Kilometer in den Süden gereist? Eigentlich sollte es hier doch um einiges wärmer sein als daheim in deutschen Landen …

Nun gut, eigentlich kenne ich das ja schon von damals, als ich jedes Jahr im Februar, März jammerte darüber, dass es immer in der Türkei kälter war als daheim.

Immerhin gab es einiges zu sehen, an Nebel (sogar die Fähren über den Bosporus fuhren nicht, was wirklich nur selten vorkommt).

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Unmöglich, ohne Buch zu leben

Seit Ägypten – wenn ich mich richtig erinnere also seit 2009 oder 2010 trage ich nicht bei jedem Flug aus Deutschland einen halben Koffer voller Bücher mit mir, um sie dann im entsprechenden Land zu lesen und beim nächsten Umzug meistens zu verschenken, sondern nur noch einen kleinen E-Bookreader.
Diese kleine nette Maschine, mit der ich oft noch mehr Zeit verbringe als mit dem Computer oder den Stöpseln im Ohr, die mich mit Hörspielen oder Hörbüchern belullen, liegt oft einfach unter dem Kopfkissen – Abende, an denen ich ohne Buch einschlafen musste, kann ich für die letzten Jahrzehnte gemütlich an meinen Händen abzählen.

Genau so einen Abend hatte ich gestern: Es mir im Bett gemütlich machend, fühlte mein Ellbogen, auf den ich mich gerade aufstützte,  plötzlich etwas hartes und meine Ohren vernahmen ein grausammes Brechen – nicht laut, kein großes Geräusch etwa, sondern einfach nur das endgültige Klacken gebrochenen Plastiks, leicht gedämpft unterm Kopfkissen, eigentlich nichts böses oder bedrohliches, nur durch das Wissen um den E-Reader doch grausam.
Panisch kümmerte ich mich um das arme Teil. Tatsächlich war er hin, der Leser. Auch oft, oft wiederholtes Ein- und Ausschalten belebte ihn nicht wieder neu, auch panisches Aufspringen, ins Wohnzimmer rennen, das kleine Gerät Auseinandernehmen (was einfach war, hatte sich die Rückseite doch inzwischen fast vollständig vom Rest gelöst), kein Gucken und Zusammenstecken und alles wieder an Ort und Stelle Rücken im plastischen Innenleben moderner Technik half, mein Lesegerät war und ist tot.
Der Terror des Moments, in dem die Bedeutung des Knackens in meinem Hirn klargworden war, hatte sich bewahrheitet, ich fühlte mich tatsächlich richtig panisch und fast schon krank.

Erkennen konnte ich bei meiner Untersuchung nur, dass ein Schalter abgebrochen ist, das ließe sich vielleicht löten. Aber ich habe den Verdacht, dass auch der Bildschirm, der dank E-Ink nach wie vor in einigen Teilen ein Buchcover zeigt, in anderen aber Versatzstücke des Bedienungsmenüs, einen Schaden erlitten hat, es dünkt mich, dass das kleine Ding unreparierbar kaputt ist, auch wenn es von innen eigentlich ganz nett und kaum beschädigt ausschaut.

Klar, ich werde versuchen, es repariert zu bekommen, doch denke ich, dass es lange dauern wird, bis ich jemanden finde, der sich damit auskennt und noch länger, bis es, falls möglich, repariert ist.
Bis dahin ohne E-bookreader  auskommen? Unmöglich – ein ganzes ungelesenes deutsches Buch habe ich ja noch hier, und es gibt einen deutschen Buchladen nur fünf, sechs Kilometer entfernt, wo man schon das eine oder andere Buch kaufen könnte, doch auf Dauer wäre das unverschämt teuer und unbequem, vor allem da ich doch Zugriff auch hunderte noch nicht gelesene Bücher in der Cloud habe …
S. meinte heute Morgen, als ich ihr das grausame Geschehen berichtete: „Na, dann kaufen wir eben einen neuen, wenn wir mal wieder in Deutschland sind.“
„Unmöglich, ohne Bücher kann ich nicht so lange überleben,“ antwortete ich und meinte es, meine es ganz ernst.
Schon tief in der Nacht hatte ich Google befragt, was denn möglich sei im türkischen Markt (der sehr eingeschränkt ist, was so spezielle Dinge angeht wie E-Bookreader), was er und wo zu bieten hat. Noch tief in der Nacht hatte ich eine Buchladenkette gefunden, die zumindest Online Geräte anbietet, die, wie ich weiß, auch mit Adobekonto zu benutzen sind oder freie Formate wie .pdf oder .epub lesen können (was ja bei den Monopolisten von Amazon und Co nicht der Fall ist, solche kommen bei mir also nicht unters Kopfkissen).
Heute Morgen dann wanderte ich gemütlich zum nächsten großen noblen Einkaufszentrum, fand den Laden, den ich gesucht hatte und siehe da, nicht nur das Luxusmodel war erhätlich, sondern auch das etwas einfachere, günstigere (im Vergleich zum deutschen Markt aber immer noch überteuerte), Gerät in der selben Größe wie das kaputte nur etwas schneller mit etwas verbesserter Hintergrundbeleuchtung und vielfachem Speicher (das aber online als nicht lieferbar gekennzeichnet war).
Nach ein paar Stunden am Computer habe ich zu Hause flugs alles eingerichtet und ziehe gleich mit dem neuen Leser inclusive einigen hundert geladenen Büchern los, nur das eine, das ich gerade las, habe ich noch nicht wiedergefunden, es muss sich irgendwo im Cloudkuddelmuddel der verschiedenen Quellen und Speicherorte für meine Bücher versteckt haben.
Auf jeden Fall kann ich dem Abend beruhigt entgegensehen, der Schrecken buchlosen Einschlafens, mit dem ich gestern zu kämpfen hatte, ist abgewendet.

Mokkakocher

Eigentlich liegt ja bei E. auf dem Dachboden eine prima, recht moderne und auch gut funktionierende echte Espressomaschine – nur leider wiegt sie mindestens vier kg – und das ist einfach eine Menge, wenn man noch 11 Umzugskartons an Kram zwischengelagert hat, bei jedem Flug aber nur 30 kg mitnehmen kann – und da ich dann auch noch mit 10 kg aus Istanbul nach Deutschland komme, bleiben nur 20 kg, die ich nach Bedarf füllen muss, die Espressomaschine stand bisher nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste.

Aber jetzt brauchte ich einfach mal die Gelegenheit, guten Kaffee zu kochen. Also zog ich los, einen Mokkakocher zu besorgen, jenes kleine praktische Aluteil, das wir in Deutschland in fast jedem Haushalt haben, wo unten Wasser reinkommt, dann das Sieb mit Kaffepulver und obenauf der Behälter aufgeschraubt wird, in den der fertige Kaffee dann per Druck beim Kochen transportiert wird.
Aber genau dieses einfache, nicht unbedingt teure Ding, in Deutschland fast überall zu finden, entspricht nicht ganz den türkischen Gewohnheiten, also ist es eben nicht überall zu bekommen.
Hier in Ortaköy habe ich in den drei fraglichen Läden keines bekommen können, im dritten aber immerhin wurde mir der passende Name gesagt und bedauernd mitgeteilt, dass gerade keines auf Lager sei. Also zog ich los nach Besiktas, einem Stadtteil mit vielen jungen Menschen, Kaffees, Ausländern. Dort wollte ich fündig werden.

Im Fachladen für alles rund um den Kaffee bekam ich immerhin Espresso – gibt es ja auch nicht überall. Von einem Espresso- oder Mokkakocher hatten sie noch nie gehört.
Also ging es weiter in eine Vielzahl von Läden, die Küchenkram verkaufen. Auch hier verstand man immerhin in zwei Läden, was ich suchte, in den anderen hatte man von jenen kleinen Maschinchen noch nie gehört.

Also beschloss ich, nach Asien überzusetzen, in mein geliebtes Kadiköy, wo ich mich etwas besser auskenne und wo ich notfalls auch Leute kenne, die mir vielleicht hätten helfen können.

Auf dem Weg zum Fähranleger kamen wir dann noch an einem winzigen Laden vorbei, der Töpfe der untersten Qualität verkauft, eine Menge Ramsch, billig billig eben. Und genau der gute Mann hatte meinen gesuchten Mokkakocher auf Lager – yuppieh.

(Doch für das Waffeleisen, dass ich als Überraschung für S. nebenbei auch noch suchte, und dass es in keinem der Kücheneelektronikläden am Weg gab, musste ich denn doch nach Asien, denn dort gab es solche Waffeleisen im Laden einer, richtig, einer deutschen, Kaffeefirma, das wusste ich schon

– kaum waren wir in diesem Laden (die Filiale in Besiktas wurde kürzlich geschlossen, die hier in Ortaköy wird umgebaut) begrüßten mich auch schon die entzückenden kleinen bunten Espressokocher, die sonst nirgends zu finden gewesen waren und eben auch das Waffeleisen …)